#2_2017 Architecture and Mobility

EDITORIAL

 

     DE_ Vom Nomaden zum Bauern – in der Geschichte des Menschen spielte der Verkehr und die Niederlassung an strategisch günstigen Punkten, in fruchtbaren Tälern, an Meeren, Flüssen, an Handelsrouten, zum Wissens- und Güteraustausch, seit jeder eine zentrale Rolle.


     Heute darf und muss das Thema Mobilität jedoch globaler denn je gedacht werden. Denn der weltumspannende Kapitalismus und sein erstes Prinzip der Gewinnmaximierung fordern vor allem eines: Schnelligkeit und damit kurze und effiziente Wege. So ist die Strecke von A nach B nicht mehr mit gewollten (Um)wegen zu denken, man spricht nicht mehr von kulturspezifischen Geschwindigkeiten und Formen des Verweilens als soziale Praxis. Es scheint als sei Mobilität und damit Bewegung nur mehr seelenlose lineare Funktion.
 

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    Diese abstrakten Linien finden eine sehr konkrete Materialisierung in den Nachtaufnahmen der Großstadt. Unter Langzeitbelichtung werden Leuchtstrahler von Autos, aber auch Infrastruktur wie Ampeln sichtbar. Im größeren Maßstab und mit einem Blick aus dem All auf die Erde erkennt das menschliche Auge ganz ohne technische Hilfsmittel - wenn man von der Möglichkeit der Raumfahrt an sich absieht -, die Kondensstreifen von Flugzeugen als sich kreuzende Wolkenverläufe zwischen den Festländern.

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     In den letzten 200 Jahren lernte sich der Mensch die Dampfmaschine in Form der Eisenbahn, zu Nutze zu machen. Das Auto wurde von der Mittelschicht aufwärts zu einem erschwinglichen Muss, der Mond umkreist und betreten, Flüge in den Urlaub wurden zum Massenphänomen. Dabei gingen diese technischen Innovationen stets Hand in Hand mit urbanistischen Entwürfen, welche die Anpassung eines mancherorts historisch gewachsenen Gefüges an die jeweilige Zeit gewährleisten sollten. Andernorts baute man neue Städte für die neue Technik.


     Dabei gab es immer verschiedenartige Ansätze wie die Zukunft aussehen sollte und während Frank Loyd Wrights Broadacre City, 1935, von dezentralsierten Gartenstadtvisionen sprach, in denen jede selbstbewirtschaftete Parzelle Land per Privat Flugzeug ansteuert werden konnte, plante und baute Corbusier die kompakte und autarke Wohnmaschine der Unité d’Habitation – tatsächlich wollten sie alle weg vom Mythos des ersten Bezirks, des ältesten, -und viel zu dichten Nukleus der Stadt.


     In Zeiten der Industrialisierung, die Menschenmassen in Richtung Großstadt mobilisierte, waren diese Stadtzentren zu überfüllten Elendsquartieren verkommen. Die Utopie der funktionsgetrennten Moderne, ihr vertikales Bauen, die Freiflächen zwischen den Hochhäusern und ihrem Leitsatz um „Licht, Luft und Sonne“ (und somit Hygiene) galten nicht zuletzt als Versprechen für eine demokratisierte und lebenswerte Zukunft – ihr Fortbewegungsmittel war das Auto. Wie die Moderne konnte auch ihr Bote sein Versprechen nicht halten. Manifest verabschiedete sich die Architekturwelt von ihrem letzten Dogma.

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     Doch von welcher Zukunft, von welchen Formen der Mobilität träumen wir heute? Die Welt ist schnell, die Bilder, die uns aus Medien und Filmen entgegenschlagen atemraubend, die Visionen unhaltbar groß, schrecklich, schön oder beides. Doch sind wir tatsächlich in dieser Zukunft angekommen oder folgen wir tardierten Bildern einer Welt von morgen - einem Retrofuturismus wie man ihn aus Disneylands Discoveryland und der Ikonographie der an den Themenpark anschließenden postmodernen Stadtentwicklungsgebiete kennt?


     An dieser Stelle setzt Adato an: Building Neverland bespricht Urbanismus und Architektur von Disneys Themed Spaces, von der Enfilade der Programmpunkte entlang des zentralen Kommunikations- und Mobilitätskorridors des Monorail in Disney World bis hin zur Kulisse der Main Street, die als Rekonstruktion eines amerikanischen Kleinstadtydills, das Thema der importierten Identität reflektiert.

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     Den Anschluss macht ein Beitrag von Pia Oppel. Im Autrag der Adato hat sich die stellvertretende Chefredakteurin des luxemburgischen 100,7 mit Markus Hesse, Professor für Stadtforschung an der Universität in Luxemburg, und dem Nachhaltigkeits- und Infrastrukturminister François Bausch zum Gespräch über die neue Tram getroffen.


     Christian Grün erzählt in Forgotten Ways – Lost Infrastructures von verlassenen, unbegangenen Wegen und den steinernen Wüchsen, die sie mancherorts mehr Skulptur als nachvollziehbare Architektur säumen.


     Den Abschluss macht Damien Assinis Abschlussprojekt von der Bartlett School of Architecture in London: HS2 Railway lotet die Frage aus, wie das Vereinte Königreich, das sich gegen die Mitgliedschaft in der Europäischen Union ausgesprochen hat, weiterhin als politische, aber auch räumliche Einheit funktionieren kann.

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